Schottland und die nationale Frage

Am kommenden Donnerstag werden die Arbeiter und Kapitalisten in Schottland die Möglichkeit haben über einen schottischen und unabhängigen Staat abzustimmen. Fast keine linke und kommunistische Organisation/Partei hat darauf bisher Stellung genommen. Eine marxistisch-leninistische Einschätzung der Situation gibt es sehr wohl von W.B. Bland “Die nationale Frage in Großbritannien”[1]. Sie ist unverzichtbar wer die Zusammenhänge in Großbritannien vollständig verstehen möchte. Wir wollen hiermit lediglich eine kurze Zusammenfassung der objektiven Tatsachen geben und Informationen, die sich aktuell ergeben haben:

German-Foreign-Policy, warf um die Schottland-Frage ein, dass ein Loslösen Schottlands Großbritannien schwächen würde und damit dem BRD-Imperialismus Aufwind bescheren würde.[2] Andere Organisationen und Parteien, die in “anti-deutschen” Fahrwässern dahintreiben würden sogar eine Loslösung Schottlands vernein, nur damit der BRD-Imperialismus nicht stärker wird. Das Argument gilt nicht, da eine starke Britische Nation ebenso reaktionäre und verbrecherische Taten verüben könnte und dies, genauso wie der BRD-Imperialismus, auch tut.

Es ist aber eine unbestrittene Tatsache, dass der BRD-Imperialismus mit seiner dummen Forderung nach dem “Selbstbestimmungsrecht der Völker” – Volksgruppen aus Nationen herausbrechen will um Konkurrenten zu zerstören oder potentiellen Widerstand zu trennen (Jugoslawien –> Kroatien, Kosovo, usw.). Die richtige Losung ist daher das “Selbstbestimmungsrecht der Nationen”, weil das nämlich heißt: unabhängige Entwicklung von imperialistischen Mächten!

Aber was ist mit Schottland? Um hier aber eine zufriedenstellende Antwort zu finden müssen wir erst einmal feststellen, was überhaupt eine Nation ist. Hierzu gibt es einen wissenschaftlichen Beitrag: “Marxismus und die nationale Frage”.[3] Hier werden vier wesentliche Merkmale für eine Nation herausgestellt:

“Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, die auf der Grundlage einer gemeinsamen Sprache, eines gemeinsamen Territoriums, eines gemeinsamen wirtschaftlichen Lebens und einer gemeinsamen Psyche, die sich in einer gemeinsamen Kultur zeigt, gebildet wurde.”[4]

Anhand dieser vier Punkte können wir überprüfen ob Schottland eine Nation ist oder nicht.

 

Zu Punkt 1:

Schottland hat eine eigene Sprache. Die schottisch-gälische Sprache entwickelte sich bereits im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung aus dem irischen-gälisch. Jedoch können nur noch 1,1% diese Sprache überhaupt noch sprechen. Weiter verbreitet ist die englische Sprache, die somit objektiv die vorrangige Sprache für und in Schottland ist.

 

Zu Punkt 2:

Schottland hat ein zusammenhängendes Gebiet. Sie sind nicht von einem großen Meer oder anderen natürlichen Hindernissen getrennt und bilden den Nordteil der britischen Inseln.

 

Zu Punkt 3:

Um zu überprüfen ob Schottland ein eigenes wirtschaftliches Leben hat müssen wir zu allererst zurück in die Zeit des Feudalismus gehen um zu betrachten wie genau Schottland ein Teil Großbritanniens wurde. Im Feudalismus kannte man keine Nationen, weil ihr Charakter, ihre Notwendigkeit nicht gegeben waren. Es bedurfte keiner gemeinsamen Sprache, keinem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet, weil Großgrundbesitzer, Fürsten, Könige und Kaiser von dem Mehrwert der Bauern und Leibeigenen lebten. Diese konnten weit versprengt sein und mussten kein zusammenhängendes Gebiet darstellen. Großgrundbesitzer stellten sich jedoch unter die (Schutz-) Herrschaft eines Fürsten. Viele Fürsten wiederum unter die eines Königs, usw. Mit ihren Rittern und Apparaten bildeten sie den Staat zur Unterdrückung der gewaltigen Mehrheit der Bevölkerung: der Leibeigenen.

“Wie hätten die Nationen vor dem Kapitalismus aufkommen und existieren können, in der Periode des Feudalismus, als die Länder in eigene, unabhängige Fürstentümer zersplittert waren, welche – weit davon entfernt, durch nationale Beziehungen miteinander verbunden zu sein – mit Nachdruck die Notwendigkeit solcher Bindungen verneinten? … In der vorkapitalistischen Epoche gab es keine Nationen und konnte es auch keine geben, weil es bis dahin weder nationale Märkte noch ökonomische oder kulturelle nationale Zentren gegeben hat und deshalb gab es keine der Faktoren, die in der Lage gewesen wären, der wirtschaftlichen Uneinigkeit eines bestimmten Volkes ein Ende zu bereiten und ihre bis dahin uneinigen Teile zu einem nationalen Ganzen zusammenzufügen.”[5]

Als die feudale Herrschaft zu sterben drohte, schlossen sich auf Großgrundbesitzer, Könige und Fürsten zu größeren Gebieten zusammen, zum Beispiel zu Personalunionen. 1603 schlossen sich die Feudalherrn Schottlands und Englands zu einer Personalunion zusammen. 1707 jedoch war die Macht der englischen und schottischen Kapitalisten so stark geworden, dass sich diese Kapitalisten entschlossen gemeinsam in einer Nation zusammenzuwachsen. Dies taten sie jedoch nur um ihr geschaffenes Wirtschaftsgebiet zu erhalten und um auszufahren um Kolonien auszuplündern und sich gemeinsam daran zu bereichern.

Zu genau dieser Zeit hätten die schottischen Kapitalisten bereits die Möglichkeit der eigenständigen Entwicklung gehabt – sie entschlossen sich jedoch dagegen. “Die grundlegende Frage für die junge Bourgeoisie ist der Markt. Ihr Ziel ist, ihre Waren abzusetzen und aus dem Konkurrenzkampf gegen die Bourgeoisie anderer Nationalität als Sieger hervorzugehen. Daher ihr Wunsch, sich ihren „eigenen“, „heimatlichen“ Markt zu sichern. Der Markt ist die erste Schule, in der die Bourgeoisie den Nationalismus erlernt.”[6] Diese Nation war fortan für schottische und englische Kapitalisten “Großbritannien”.

 

Zu Punkt 4:

“In Schottland und Wales existieren ebenfalls kulturelle Elemente, die einen scheinbar ausgeprägten nationalen Charakter aufweisen. Bei Schottland denkt man an die Hochlandtrachten, an die Dudelsäcke und an solche Hochlandsportarten wie das Baumstammwerfen. Wenn man an Wales denkt, kommen einem die Harfe und die ‘Eisteddfodds’ in den Sinn.

Man muss aber sagen, dass diese ‘nationalen’ Elemente der schottischen und walisischen Kultur nur in den ländlichen Gebieten eine Bedeutung besitzen und Überbleibsel aus der Vergangenheit darstellen, die immer mehr im Verhältnis zur gesamten Kultur Schottlands und Wales’ an Bedeutung einbüßen. Deshalb kann man sagen, dass Großbritannien im Großen und Ganzen eine einheitliche Kultur aufzuweisen hat.”[7]

 

Aktuelle Informationen rund um Schottland:

Die Kräfte der Bewegung für ein unabhängiges Schottland

Nur wenigen Menschen in der BRD ist die Bewegung nähergehend bekannt. Treibende Kraft hier ist die SNP – Die Schottische Nationalistische Partei. Sie betonen stets, dass sie links, liberal und progressiv seien. Doch was sind ihre wichtigsten Versprechungen?

Sie sagen, dass der Reichtum, der in Schottland geschaffen wird, den Schotten zu Gute kommt – Die Wahrheit ist natürlich, dass der von schottischen Arbeitern geschaffene Reichtum in als Mehrprodukt an die schottischen Kapitalisten fällt/fallen würde. Denn sie fordern nicht die Überwindung des Kapitalismus!

Die SNP verspricht, dass britische Atom-U-Boote aus schottischem Hoheitsgebiet verschwinden müssten – Die Wahrheit ist, dass die SNP nach der Unabhängigkeit eine EU- und Nato-Mitgliedschaft anstrebt.[8] Neue U-Boote und imperialistisches Kriegsgerät, wären dann u.U. wieder auf schottischem Boden stationiert.

 

Wirkliche Alternativen:

Eine wirkliche Alternative für die schottischen Arbeiter wäre ihr Engagement in der Kommunistischen Partei Großbritanniens / Marxisten-Leninisten, denn nur diese Partei vertritt die tiefen Sehnsüchte und ihre objektiven Forderungen. Sie verbindet den gewerkschaftlichen und revolutionären Kampf zwischen englischen, walisischen und schottischen Arbeitern gegen den gemeinsamen Feind: die britische Monopolbourgeoisie, die aus schottischen und englischen Kapitalisten besteht.

 

Gründe für die Wahl:

Separatismus gibt es in vielen Ländern und wird in der Regel von Teilen der Bourgeoisie gestützt, die von einer Loslösung aus einer Nation profitieren würde. Diese Gründe liegen auch in Schottland vor, da sich schottische Kapitalisten erhoffen, dass die Erdöleinahmen aus der Nordsee zukünftig in Edinburgh statt in London zustehen könnte.[9]

 

 

Schlussfolgerungen zu Schottland:

Wir können nun feststellen, dass Schottland an sich noch keine entwickelte Nation ist. Der Separatismus würde objektiv den gemeinsamen Kampf der schottischen und englischen Arbeiter schwächen, würde nationalistischen Stolz vor Klassenstolz setzen.

Lenin: “In jenen fortgeschrittenen Ländern (England [d.h. Großbritannien – Anm. d. Verf.], Frankreich, Deutschland usw.) ist das nationale Problem seit langer Zeit gelöst; es gibt objektiv gesehen keine ‘nationalen Aufgaben’ mehr zu lösen.”[10]

 

Wenn revolutionäre Kräfte wie die Kommunistische Partei Großbritanniens / ML und die KI in Deutschland eine Unabhängigkeit Schottlands ablehnen – wie steht die KI dann zur “Irland – Frage”?

“Politisch gesehen besteht Irland aus zwei eigenen Staaten: der Republik Irland und Nordirland. Die Republik Irland ist formell unabhängig, sie wird jedoch vom britischen Imperialismus beherrscht; sie ist eine Neokolonie des britischen Imperialismus. Nordirland ist politisch gesehen Teil des ‘Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland’, ist eine Kolonie des britischen Imperialismus. Fortschrittliche Leute unterstützen die Vereinigung und das Recht auf Selbstbestimmung, auf Unabhängigkeit von Irland.”[11]

Irland hingegen wurde 1171 von den englischen Feudalherren überfallen und einverleibt. Über viele Jahrhunderte kämpften mutige Iren gegen die Besatzer. Der Kapitalismus und damit das irische Nationalbewusstsein konnten sich im Untergrund entwickeln bis sich dann 1916 die Irische Republik gründete und den Kampf gegen England/Großbritannien wieder aufnahm. Diese Republik wurde verraten, indem einige feige Politiker Irland wieder an Großbritannien auslieferten.

Lediglich die Irisch-Republikanische Armee führte den Kampf der Republik von 1916 fort. 1949 gründete sich dann eine formell unabhängige Republik Irland, die aber bis heute London-hörig ist. Der Nordteil der Insel, Ulster, ist weiterhin als Kolonie von den Briten besetzt. Im 20. Jahrhundert kämpfte die Irisch-Republikanische Armee diverse Male heldenhaft gegen die britischen Besatzer. In den besetzten Gebieten Ulsters werden Iren noch heute verfolgt, inhaftiert und gefoltert.[12]

Die Irische Nation umfasst die gesamte irische Insel und ihre legitime Befreiung in allen Aspekten. Die Kommunistische Initiative tritt für das Selbstbestimmungsrecht der irischen Nation ein!

“Marx trat, indem er sich in der Internationale für eine Sympathieerklärung für die ‘irische Nation’ und das ‘irische Volk’ stark machte, für die Trennung Irlands von Großbritannien ein.”[13]

 

 

[1] http://www.red-channel.de/mlliteratur/theorie/nationale_frage_gb.htm

[2] http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58951

[3] https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1913/natfrage/index.htm

[4] (Josef W. Stalin: ‘Marxismus und nationale Frage’, in: ‘Werke’, Band 2, Moskau 1953, S. 307).

[5] Josef W. Stalin: ‘Die nationale Frage und der Leninismus’, in: ‘Werke’, Band 11, Moskau 1954, S. 351

[6] https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1913/natfrage/kap2.htm

[7] http://www.red-channel.de/mlliteratur/theorie/nationale_frage_gb.htm

[8] http://www.youtube.com/watch?v=TPNwl6tcjxo#t=1606

[9] http://www.nzz.ch/wirtschaft/schottlands-schatten-ueber-londons-city-1.18379736

[10] (Wladimir I. Lenin: ‘Eine Karikatur auf den Marxismus und ‘imperialistischer Ökonomismus’, in: ‘Ausgewählte Werke’, Band 5, London 1935, S. 295)

[11] http://www.red-channel.de/mlliteratur/theorie/nationale_frage_gb.htm

[12] http://rsfnational.wordpress.com/cabhair-pows/

[13] (Wladimir I. Lenin: ‘Über das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung’, in: ‘Ausgewählte Werke’, Band 4, London 1943, S. 279).

Quelle Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/60/A_National_Conversation_launch.jpg/800px-A_National_Conversation_launch.jpg

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